leseproben
Bild: Dorfgasse in Quitzöbel, 1981-Manfred Pietsch
Foto: Jürgen Schneider
Manfred Pietsch-Ulrich Grasnick
Ankunft
Grün die Einflugschneise
zum Schwalbenbriefkasten
für die pfeilschnelle
Nachricht.
Der Storch
vom ochsenblutfarbigen
Haus klappert
Steine aus dem Weg
Er hebt den letzten
Eiszapfen aus den Angeln
und entriegelt
einem Bienenschwarm
die farbige Tür.
Der Storch
auf roten Stelzen
mit seiner Flugantenne
langweilt sich nicht
auf seinem fünften Rad.
Immer ruft ihn
das weitherzige Grün
und das Aquarell
des nahen Sees.
2018
Ulrich Grasnick-Leseprobe-Gedicht
Bild: Foto Reiner Müller
Verse sind Verse sind Stockwerke, es genügen zwei oder drei für ein Haus Manchmal eines Gedankens erste Etage genügt, darin zu wohnen. Niemand schreibt dir vor die Größe von Fenstern und Türen, du kannst leben in beliebiger Gegend. Du kannst beginnen einen einfachen Satz ohne Baugenehmigung, Sondergenehmigung und ohne Fragebogen. Einfacher Baugrund Papier, für jeden erschwinglich, für jeden nutzbar. Für Fehlkonstruktionen genügt ein Papierkorb, und ein neues Blatt schon wieder Beginn.
Stilleben Sind wir mehr als ein Fisch wenn wir schweigen? Sind wir zu oft in die Stille geflohn, in die Sprachlosigkeit? Wieviel Schuld, wieviel Nichtschuld, wenn wir Frieden suchten im Schweigen? Mit dem Herbstwind rücken die Zweifel leere Stühle der verlassene Tisch stellt unsere Fragen. aus Flugfeld für Träume , 1984
Wilhelm Lachnit-Ulrich Grasnick
Bild:   „Stilleben   mit   Fisch   und   Kristallschale,
1957
Wilhelm Lachnit - aus Flugfeld für Träume
Gang nach Emmanus Wie ohne Zweifel kommen, da wir Brücken stürzen sahen, über die wir eben gingen? Im Schatten unsres Argwohns schleppten wir die dunklen Zeiten noch einmal auf unsren Rücken, trotz der Tränen, die uns brannten, und der Schreie, die noch gellen. aus Pastorale , 1981
Schmidt-Rottluff-Emmaus-Grasnick
Bild: Gang nach Emmaus, 1918,
Hans Schmidt-Rottluff - aus Pastorale
Kubistischer Akt Eine ungewöhnlich aufstrebende Festung ist von einem Mädchen am Morgen geblieben. Aber wo leuchtet ihr Herz? aus Das entfesselte Auge , 1988
Pablo Picasso-Ulrich Grasnick
Bild: Bildhauer mit einem Fischglas und kauerndem Modell, 1933, Pablo Picasso aus Das entfesselte Aug e
Sonntag Die leise uns zugeraunte Fermate der Hoffnung, wenn frühmorgens die eiserne Lilie an einer Wolke erblüht. Noch schlafen die Liebenden, noch schläft Notre-Dame im stillen Winkel des Sonntags. Der Maler will die Augen der Palette heute ruhen lassen, doch der Geruch der Farben stört ihn auf. Er spürt, wie die Leinwand sich spannt, sich nach einem Bild sehnt. In der Umarmung zählen wir die Narben des Abschieds noch nicht. Über dem Strauß blühender Farben, durch Stirn und Auge, hat sich das ferne Witebsk bis in die Seele gewagt. aus Fermate der Hoffnung , 2018
Marc Chagall-Ulrich Grasnick
Воскресенье Тихо нам прошептана фермата надежды, когда утром распускается у облака железная лилия. Пока дремлят любящие, пока дремлет Notre-Dame в тихом уголке воскресенья. Сегодня художник хочет дать отдохнуть глазам палитры, но запах красок возбуждает его. Он чувствует, как натягивается холст, по картине тоскуя. В объятии мы еще не считаем шрамы расставания. Над букетом горящих красок, сквозь лоб и глаза, далекий Витебск проник в самую душу. Nachdichtung-Irina und York Freitag
Bild: Dimanche, 1954. Marc Chagall aus Fermate der Hoffnung
Ulrich Grasnick-Marc Chagall
Leben Leben unbegreifbar. Gottes ausgestreckte Hand wie der Schlaf. Nicht mit Linien scharf umreißen das Rätsel Traum. Zerschnitten würden alle Bilder und ihr Geheimnis, das allein von Dauer ist. Immer träumt man allein. Jeder Traum hat ein Rätsel zwischen den Lippen, wo der Atem das Ich und das Ich vermischt und die Zunge den Fingerzweig Gottes vermutet. Aus Hungrig von Träumen , 1990
Bild:   Moses   empfängt   die   Gesetztestafeln,
1956,
Marc Chagall - aus Hungrig von Träumen